Biohacking – Wann Selbstoptimierung gefährlich wird
Immer mehr Influencer bezeichnen sich als Biohacker. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Schlaf, Ernährung oder Training. Stattdessen werden Peptide, Hormone und verschiedenste Medikamente als Werkzeuge zur Selbstoptimierung beworben. Und genau darüber möchte ich heute sprechen.
Nicht über Schlaftracking. Nicht über gesunde Ernährung. Nicht über Sport.
Dies ist alles andere als verwerflich. Es geht vielmehr um die zunehmende Medikalisierung gesunder Menschen.
Was ist Biohacking? Der Begriff Biohacking ist eigentlich sehr weit gefasst. Im ursprünglichen Sinn bedeutet er nichts anderes, als den eigenen Körper besser zu verstehen und gezielt zu optimieren.
Dazu gehören beispielsweise:
- Schlaf verbessern
- Ernährung optimieren
- Krafttraining
- Ausdauertraining
- Stressmanagement
- Blutzucker messen
- Herzfrequenzvariabilität verfolgen
Dagegen ist grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil. Viele dieser Maßnahmen werden auch von Ärzten empfohlen. Problematisch wird Biohacking aber dort, wo Medikamente und hormonell wirksame Substanzen plötzlich als Lifestyle-Produkte verkauft werden. Und genau das beobachten wir momentan immer häufiger.
Die positiven Seiten
Man muss fair bleiben. Biohacking hat durchaus seine Berechtigung.
Wer besser schläft, sich mehr bewegt, gesünder isst, weniger Alkohol trinkt, regelmäßig Krafttraining macht,
lebt mit hoher Wahrscheinlichkeit länger und gesünder. Das ist wissenschaftlich hervorragend belegt. In diesem Bereich habe ich keinerlei Kritik. Meine Kritik beginnt dort, wo Menschen ohne medizinische Notwendigkeit anfangen, Arzneimittel einzunehmen.
Behörden schlagen Alarm
Und mit dieser Einschätzung stehe ich keineswegs alleine da. In der Schweiz hat Swissmedic ausdrücklich vor illegalen Peptiden aus dem Internet gewarnt. Dabei geht es unter anderem um:
- unbekannte Reinheit
- falsche Dosierungen
- Verunreinigungen
- fehlende Sterilität
Auch das österreichische BASG warnt vor Peptiden, die als sogenannte Research Chemicals verkauft werden. Viele dieser Produkte besitzen überhaupt keine Zulassung als Arzneimittel.
Das bedeutet: Niemand weiß zuverlässig,
- was tatsächlich enthalten ist,
- ob die Dosierung stimmt,
- oder welche Langzeitfolgen entstehen.
Trotzdem werden genau solche Präparate teilweise in sozialen Medien beworben.
Das Grundsatzproblem
Jetzt kommen wir zum eigentlichen Kern. Medikamente sind dafür entwickelt worden, Krankheiten zu behandeln. Nicht, um aus gesunden Menschen noch gesündere Menschen zu machen. Jedes Medikament greift in biologische Regelkreise ein. Und genau deshalb besitzen Medikamente immer auch Nebenwirkungen. Wenn der erwartete Nutzen bei einer Krankheit höher ist als das Risiko, ist das völlig nachvollziehbar. Bei einem gesunden Menschen fehlt dieser Nutzen jedoch häufig. Es bleibt also hauptsächlich das Risiko.
Das wird meiner Meinung nach in der Biohacking-Szene häufig völlig ausgeblendet. Zum Teil geht es sogar noch weiter. Durch den übertriebenen Konsum solcher Substanzen wird die Grundlage geschaffen, dass sich an anderer Stelle ungesund verhalten werden kann, ohne vermeintlich negative Konsequenzen. Konkret wird zu einem Stack geraten, welcher die Verstoffwechselung von Körperfett fördert und den Energieverbrauch steigert, damit anschließend richtige Fressorgien veranstaltet werden können. Dies führt Biohacking ad absurdum und steht diametral zur eigentlichen Idee desselben.
Die Hauptprobleme
Ich sehe dabei mehrere große Probleme.
Erstens: Viele Influencer besitzen überhaupt keine medizinische Ausbildung. Trotzdem sprechen sie über Hormonsysteme, Stoffwechsel, Rezeptoren und Pharmakologie, als wäre alles ganz einfach. In Wirklichkeit gehören genau diese Themen zu den komplexesten Bereichen der Medizin.
Zweitens: Es entsteht der Eindruck, jeder müsse sich ständig weiter optimieren. Nicht mehr gesund sein genügt. Man soll leistungsfähiger sein.
Jünger aussehen. Mehr Muskelmasse haben. Weniger Fett. Mehr Energie. Mehr Fokus. Mehr Testosteron.
Das erzeugt einen enormen gesellschaftlichen Druck.
Drittens:
Aus einzelnen persönlichen Erfahrungen werden allgemeingültige Empfehlungen gemacht. Nur weil eine Person subjektiv positive Erfahrungen gemacht hat, bedeutet das noch lange nicht, dass dieselbe Substanz für andere sicher oder sinnvoll ist.
Viertens:
Langzeitdaten fehlen häufig vollständig. Gerade bei vielen Peptiden existieren überhaupt keine hochwertigen Studien über eine langfristige Anwendung bei gesunden Menschen.
Das Doping-Problem
Ein weiterer Aspekt wird fast nie angesprochen. Viele dieser Substanzen befinden sich auf der Dopingliste der WADA. Einige Peptide sind im Leistungssport ausdrücklich verboten. Wer solche Stoffe konsumiert, überschreitet letztlich dieselbe Grenze wie beim klassischen Doping. Nur dass es im Biohacking plötzlich als Selbstoptimierung bezeichnet wird. Die biologische Wirkung bleibt jedoch dieselbe.
Warum machen Influencer das?
Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Warum boomt dieses Thema überhaupt? Natürlich gibt es Menschen, die ehrlich überzeugt sind. Aber man darf auch den wirtschaftlichen Aspekt nicht ignorieren.
Mit Angst, mit Hoffnung, mit Anti-Aging, mit Selbstoptimierung lässt sich sehr viel Geld verdienen.
Affiliate-Links. Rabattcodes. Coaching. Supplemente. Peptide. Blutanalysen. Online-Kurse.
Mit jedem neuen Problem lässt sich häufig auch gleich eine neue Lösung verkaufen. Und genau deshalb sollte man sich immer fragen: Verdient die Person Geld mit ihrer Empfehlung? Falls ja, sollte man besonders kritisch werden. Betrachtet man den Werdegang der meisten selbsternannten Biohacker, fällt auf, dass diese zum Teil schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, nur selten über eine medizinische Ausbildung verfügen und sich meistens bereits als Wettkampfbodybuilder versucht haben. Warum ist gerade Letzteres erwähnenswert? Als Wettkampfbodybuilder ist der Missbrauch von Medikamenten an der Tagesordnung. Die Hemmschwelle, Medikamente zur Leistungssteigerung einzunehmen, ist praktisch nicht existent. Es gehört zum Alltag, sich beim Dealer seines Vertrauens oder über dubiose Webseiten entsprechende Substanzen zu beschaffen. Man ist es gewohnt, zusätzlich Medikamente zu konsumieren, um die Nebenwirkungen der leistungssteigernden Substanzen zu kompensieren. Dieses Verhalten liegt in der Eigenverantwortung jedes Individuums. Der Übertrag dieser Mechanismen auf die Kundschaft ist jedoch bedenklich.
Fazit
Ich möchte Biohacking nicht pauschal verteufeln. Schlaf optimieren. Training verbessern. Gesünder essen. Mehr bewegen. Das alles unterstütze ich uneingeschränkt.
Wenn Biohacking jedoch bedeutet, gesunden Menschen Medikamente oder experimentelle Substanzen als Lifestyle-Produkte zu verkaufen, dann verlassen wir meiner Meinung nach den Bereich der Gesundheitsförderung und betreten den Bereich der Medikamentenvermarktung. Und genau dort wird es gefährlich. Nicht nur für die Gesundheit. Sondern auch für das Vertrauen in Medizin und Wissenschaft.
Über den Autor

Christoph Büchi
Christoph Büchi ist mehrfacher Schweizer Meister im Powerlifting sowie Europa- und Weltmeister der WDFPF. Mit Bestleistungen von 300 kg Kniebeuge, 202.5 kg Bankdrücken und 315 kg Kreuzheben trainiert und startet er auch mit über 50 Jahren weiterhin aktiv an Wettkämpfen.