DOTS im Powerlifting – Fluch oder Segen?
Was sind DOTS und warum wurden sie entwickelt?
DOTS (Dynamic Objective Team Scoring) sind ein Bewertungssystem im Powerlifting, das entwickelt wurde, um Leistungen von Athleten unterschiedlicher Gewichtsklassen und Geschlechter miteinander vergleichen zu können. Da schwerere Athleten in absoluten Zahlen naturgemäss höhere Lasten bewegen als leichtere Athleten, lässt sich die reine Totalleistung aus Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben nur eingeschränkt vergleichen.
Das DOTS-System verwendet eine mathematische Formel, welche das Körpergewicht des Athleten berücksichtigt und daraus einen relativen Leistungswert berechnet. Ziel dieser Berechnung ist es, eine möglichst faire Grundlage zu schaffen, um Athleten verschiedener Gewichtsklassen in einer gemeinsamen Rangliste gegenüberzustellen. Besonders bei Mannschaftswettkämpfen oder Verbandswertungen bietet dies die Möglichkeit, die Leistungen aller Teammitglieder unabhängig von Gewichtsklasse und Geschlecht in einer einzigen Wertung zusammenzuführen.
DOTS wurden somit nicht entwickelt, um die absolute Leistung eines Athleten zu ersetzen, sondern um eine zusätzliche Vergleichsmöglichkeit dort zu schaffen, wo direkte Vergleiche aufgrund unterschiedlicher Körpergewichte nicht sinnvoll wären.
DOTS als Vergleichssystem – eine kritische Betrachtung
Wie erläutert wurde DOTS entwickelt, um Leistungen von Athleten unterschiedlicher Gewichtsklassen und Geschlechter miteinander vergleichen zu können. Aus meiner Erfahrung beobachte ich jedoch eine Entwicklung innerhalb des Sports, die kritisch hinterfragt werden sollte.
Immer häufiger treffe ich auf Athleten, deren primäres Ziel nicht mehr darin besteht, möglichst hohe Lasten zu bewegen, sondern ein möglichst hohes DOTS-Total zu erreichen. Um dieses Ziel zu verfolgen, werden teilweise erhebliche kurzfristige Gewichtsreduktionen vorgenommen, oftmals durch gezielte Manipulation des Wasserhaushalts unmittelbar vor der Abwaage. Das Resultat ist eine Verbesserung der relativen Wertung, ohne dass sich die tatsächlich bewegte Last erhöht hat.
Die Optimierung der DOTS-Punkte erfolgt in solchen Fällen nicht durch mehr Kraft oder eine bessere sportliche Leistung, sondern durch ein möglichst niedriges Körpergewicht zum Zeitpunkt der Abwaage. Dieses Vorgehen widerspricht aus meiner Sicht der grundlegenden Idee des Powerliftings: dem Ziel, möglichst schwere Gewichte zu bewegen.
Selbstverständlich existieren auch in vielen anderen Sportarten Gewichtsklassen. Dennoch werden die Leistungen dort in der öffentlichen Wahrnehmung fast ausschliesslich anhand ihrer absoluten Resultate bewertet. Wir kennen die Sprintzeiten eines Usain Bolt, die Wurfweiten eines Diskuswerfers oder die Höhen eines Hochspringers. Das Körpergewicht der Athleten spielt für die Beurteilung ihrer Leistung praktisch keine Rolle.
Im Powerlifting hingegen entsteht zunehmend der Eindruck, dass der DOTS-Wert wichtiger geworden ist als die tatsächlich bewegte Last. Diese Entwicklung halte ich für problematisch. Sie kann Athleten dazu verleiten, gesundheitlich fragwürdige Strategien zur Gewichtsreduktion anzuwenden, um einen abstrakten mathematischen Wert zu verbessern, anstatt sich auf die eigentliche sportliche Leistung zu konzentrieren.
DOTS erfüllen einen wichtigen Zweck und haben ihre Berechtigung. Sie ermöglichen faire Vergleiche zwischen unterschiedlichen Gewichtsklassen und sind insbesondere für Mannschaftswertungen ein wertvolles Instrument. Sie sollten jedoch als das betrachtet werden, wofür sie ursprünglich entwickelt wurden: eine Hilfsgrösse zur Vergleichbarkeit von Leistungen – und nicht das primäre Ziel, dem Athleten ihre Gesundheit oder sportliche Entwicklung unterordnen.
Über den Autor

Christoph Büchi
Christoph Büchi ist mehrfacher Schweizer Meister im Powerlifting sowie Europa- und Weltmeister der WDFPF. Mit Bestleistungen von 300 kg Kniebeuge, 202.5 kg Bankdrücken und 315 kg Kreuzheben trainiert und startet er auch mit über 50 Jahren weiterhin aktiv an Wettkämpfen.